Responsive Webdesign – wirklich gut? (Klar, aber …)

Schon vor ein paar Monaten hatte ich drüber nachgedacht: malen wir uns die Responsive-Webdesign-Welt schöner, brauchbarer, als sie ist? Kommen die Besucher damit wirklich klar? Brauchen wir es wirklich immer? Wie das das aber so ist, verliert man einen Gedanken schon mal, bis dann zwei Tweets auftauchen, die den Gedanken wieder aufkommen lassen:

Nehmen wir mit RWD dem „normalen“ Besucher seine Gewohnheiten, wenn wir die Seiten so anpassen, dass Spalten verschwinden oder Navigationsmenüs sich hinter einem Button mit Icon verstecken?

Safari auf iPhone und iPad zeigt standardmäßig – also ohne viewport-Meta-Angaben und Media Queries – wie die Seite bei 980px Bildschirmbreite aussehen würde und skaliert diese auf die wahren Bildschirmpixel herunter. (Auf dem iPad im Landscape-Modus/Querformat ist das natürlich nicht der Fall, da hier 1.024px in der Breite zur Verfügung stehen, da sieht man dann rechts und links einen Rand.)

Der frisch gebackene Smartphone-Besitzer

Nehmen wir einen frischen iPhone-Besitzer, der bislang nur Desktop-PCs nutzte und sich seine Lieblingsnachrichtenwebsite (deutsche Sprache, lange-Wörter-Sprache) anzeigen lässt, die noch nicht responsive ist: auf dem kleinen iPhone-Bildschirm wird nun ein Überblick auf die gesamte Seite gezeigt, so wie der Besucher sie eventuell vom Bürorechner oder der alten Kiste auf seinem häuslichen Schreibtisch kennt. Er weiß, wo die Navigation steckt, wo der eigentliche Hauptinhalt liegt und auch zum Footer kommt er recht schnell, wenn er denn dahin will. Was er größer angezeigt haben möchte, zoomt er sich mit zweimal tippen heran.

Ist die Seite aber durch Media Queries linearisiert, sieht er vermutlich erstmal nur das Logo und viele Menüpunkte. Möchte er zum Hauptinhalt, muss er erstmal scrollen, scrollen, scrollen. Will er zum Footer – wir wissen noch immer nicht warum –, muss er noch mehr scrollen. Er muss logischerweise auch scrollen, wenn er die normale Ansicht hat, aber eventuell nur 3-4× anstatt 10-13×. Vermutlich wundert er sich auch noch, dass die Seite so anders aussieht, wo ihm doch gesagt wurde, dass er „das ganz normale Internet auf dem iPhone anschauen könne“. Er könnte auch die Navigation vermissen, weil er sie nicht hinter einem Button oben rechts, der drei horizontale Striche darstellt, vermutet.

Also?

Manch ein Besucher, Benutzer oder schlicht Mensch kann mit RWD überfordert sein und wir müssen uns Gedanken machen, ob es nicht sogar die Masse ist, die damit überfordert ist. Gedanken darüber, ob „Zeige mir die Desktop-Ansicht“-Links nicht doch brauchbar sind.

Ich möchte RWD nicht verteufeln, ich bin selbst ein großer Fan und Befürworter und verfolge das Thema und bin dabei es im Büro voranzutreiben. Im Grunde ist RWD eine wichtige und richtige Sache, wenn man sie denn auch sinnvoll verwendet und testet. RWD ist ja nicht nur das Anpassen des Layouts sondern auch

  • die Optimierung von Dateigrößen, Lade- und Reaktionszeiten durch kleinere Grafiken, Wegfall von Scripts, HTML-Optimierungen und durchdachtere Inhalts-/Modul-Planung
  • Zugänglichkeit: eine URL, ganz gleich welches Gerät, mit dem gleichen Inhalt, egal welches Gerät
  • Anpassung an die Möglichkeiten des Geräts (Graceful Degration, Feature Detection, etc.)

Ich habe das Problem nicht 100-%-ig beleuchtet, das weiß ich. Ich kann nicht mal genau sagen, ob es wirklich ein Problem ist, dafür fehlen mir eigene Tests. Die Leute werden sich vermutlich dran gewöhnen, dass Webseiten auf einem anderen Gerät wesentlich anders ausschauen und verhalten als auf einem anderen. Aber ich hoffe einen kleinen Denkanstoß gegeben zu haben.


Nachtrag: Adrian Roselli hat Brucels Tweet wohl auch gesehen und auch was dazu geschrieben: Letting Mobile Users See Desktop View of RWD Site. Und den hier kann man auch noch lesen: On Responsive Design.

2. Nachtrag: Bruce Lawson – der oben in zwei Tweets erwähnt wird – hat auch was dazu geschrieben: